METAMORPHOSIS

Frühling

Dein Blick ist schüchtern und verlegen, offenbart deine Sehnsucht von mir gehalten zu werden. Es berührt mich, dass du diese Sicherheit in mir findest. Wie du von unten oder von der Seite auf mich blickst. Diese Nähe spiegelt mir unsere jahrelange Arbeit an unsere Beziehung wider. Manchmal habe ich jedoch Sorge, dass du eine bestimmte Form von Sicherheit in mir findest möchtest. Weil ich mich abseits meines zugeschriebenen Geschlechts bewege und deshalb eine bestimmte Form von Maskulinität performen muss. Dass dein Gang, deine Haltung und deine Selbstwahrnehmung, mich einschränken und in eine Projektion rücken könnte. Neugierig haben wir uns am Anfang herangetastet, als wir uns im Park gegenüber saßen und gelacht haben. Die Grenzen unseres Seins ausgereizt und über die Jahre neu definiert. Mit der Morgenluft wollen wir Wir selbst sein, aber müssen oft mehr dafür tun. Ich erinnere mich, wie ich weinend in deine Arme fiel, weil ich nicht komisch oder anders sein wollte, in den Augen andere Menschen. Die ähnlichen Fragen die uns eins verbunden hat, haben mittlerweile verschiedene Geschmäcker: manchmal sauer, bitter, süß, frisch.

Sommer

Die Sommer in Viet Nam erinnern mich daran, dass trotz geografischer Distanz, mich die gleiche Sonne küsst und sich warm an meine Haut schmiegt. Es ist ein tröstender Gedanke, wenn man in der Diaspora aufgewachsen ist. So finde ich in den Stimmfarben meiner Tanten die Wärme von Weiblichkeit. Während ich mich geborgen und umsorgt fühle, fühle ich mich unsicher und unbeholfen darin meinen Körper hier zu navigieren. Auf einmal findet mein Körper eine neue oder andere Bedeutung, wenn er als Teil der Mehrheitsgesellschaft gesehen wird. Gleichzeitig fällt er auf, weil er sich europäisch, deutsch und weiß bewegt. Durch die Geräuschkulissen der Straßen Ha Nois, weiß selbst ich nicht, unter welchen Schönheitsidealen mein Körper gemessen und bewertet wird. In diesen inneren Konflikten über Identität, finde ich Trost beim gemeinsamen Essen mit meiner Verwandtschaft. In ihren Augen sehe ich Nostalgie, weil ich noch jung bin und so viele Jahre vor mir habe. Sie haben alle etwas Mütterliches an sich, wenn sie ihre neugierigen Fragen stellen, mir einen Obstteller hinstellen und mir Essen in meine Schüssel einschenken. Und weil ich die Tochter meiner Mama bin, bin ich die Nichte, die Enkelin, eine heranwachsende Frau deren Möglichkeiten im Leben noch
offenstehen.

Herbst

Je älter ich werde, desto weniger unschuldig fühlt sich der Herbst für mich an. Wir waren noch so jung und ich so naiv. Zwischen uns lag eine Anziehung, magnetisch und magisch. Ich war sprachlos von der Poesie deiner Worte, von der Ehrlichkeit, mit der du liebst. Ich erzählte dir unsicher, dass ich den Blick nicht halten kann. Du versicherst mir, dass es okay sei.
Und wie aus dem Nichts, kam der Herbst über Nacht. Während die Blätter schon im August ihre Farben wechselten, lag ich im Bett mit meinen Gedanken über dich, schwelgte in Erinnerungen und deinem Blick, wenn meine Hand deine Wange berührte.

Wir sind gegensätzlich: Du bist die Erde und findest Genuss in Langsamkeit. Ich bin das Wasser und komme in Wellen, mal ruhiger, mal stürmisch. Wie Wasser bin ich ständig in Bewegung, zwischen Stationen unterwegs. Weil ich komme und gehe, glaubst du, ich hätte Angst vor Bindung.
Manchmal bist du wie ein Baum: stur in deinem Stehen, geduldig in deinem Warten. Vögel kommen, bauen ihr Nest auf deinen Ästen und wenn sie flügge werden, trauerst du mit ihnen. Diese Geborgenheit erlaubt mir, bei dir vieles sein zu können. Wir sprechen darüber, dass Loslassen zum Leben gehört. Unsere Körper können nicht alles tragen, und weil wir Menschen sind, fühlen wir. Du bringst mir so vieles über das Lieben bei, und deswegen habe ich das Gefühl, ich bin in deiner Schuld. Wir wollen einander verstehen; welche sozialen Parameter uns jeweils einschränken und wie wir uns von der auferlegten Scham befreien wollen. Wir sprechen darüber, ob wir transitionieren wollen und wieso es manchmal schwer ist unseren eigenen Körper lieben, mögen oder akzeptieren zu lernen. Als ich dann meine erste Sternschnuppe mit dir gesehen habe, war ich dankbar dieses Leben erfahren zu dürfen, ohne seinen Wert ganz zu begreifen. Doch Gott sei Dank für dieses Leben, Gott sei Dank dürfen wir es gemeinsam erleben.

Winter

Unser Kuss ist warm wie heiße Schokolade. Wenn ich sich unsere Füße unter der Decke berühren, verschiebt sich etwas in mir – leise und sachte, wie Schnee, der über Nacht gefallen ist. An Tagen, an denen ich mich selber hässlich, unerträglich und nicht begehrenswert fühle, schwindet meine Scham vor dir. Vor dir kann ich meinen Körper zeigen, tragen, ablegen, und wenn ich möchte, auch verstecken. Ich weiß, dass wir von der Außenwelt oft missverstanden werden. Doch wenn ich mich daran erinnere, dass unsere Liebe uns gehört, fühle ich mich dir noch näher. Wenn wir uns beieinander ausruhen, schlafen oder unsere kleine Finger sich auf der Straße miteinander verhaken, fühle ich die Tiefe unsere Liebe.
In meiner emotionalen Achterbahn bin ich destruktiv, obsessiv, possessiv und selbstsüchtig. In meiner Ruhe, bin ich fürsorglich, selbstlos und verständnisvoll. In Beziehung zu sein und sich den eigenen Schatten und Dämonen zu stellen, erfordert Mut, Geduld und Vergebung – denn, es macht viel Angst. Aber du forderst mich heraus, und deswegen möchte ich lernen mir selber zu vergeben, und deine Liebe anzunehmen.

Phuong