Was Aktivismus für mich bedeutet

Ich bin nicht aktiv geworden, weil ich schon immer laut oder besonders politisch war. Inzwischen bin ich zwar letzteres, aber dazu später mehr. Ich bin aktiv geworden, weil ich gemerkt habe, dass es ohne Menschen, die etwas sagen, die sich für andere einsetzen, die ihre Stimme in Zeiten von Ungerechtigkeiten erheben, keine Veränderung gibt. Für mich bedeutet Aktivismus, Verantwortung zu übernehmen – für mich selbst, meine Community und eine bessere Gegenwart und eine noch bessere Zukunft!

Ich bin 21, nicht-binär und queer. Das ist kein Detail, sondern der Ausgangspunkt meines Engagements. Ich weiß, wie es sich anfühlt, nicht richtig dazuzugehören, sich ständig erklären zu müssen oder auch Angst zu haben, man selbst zu sein. Diese Erfahrungen haben mich geprägt – und sie sind auch der Grund, warum ich etwas verändern möchte.

Wie ich Aktivismus lebe

Mein Engagement ist meistens nicht auf der Straße mit Megafon und Plakat. Aber ich bin Teil einer Online-Anlaufstelle für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt – wir klären auf, informieren, haben verschiedene Materialien, beantworten anonym Fragen.

Während meines FSJs habe ich eine Handreichung für Schulen (in Bayern) geschrieben, um Lehrkräften Queerness, Trans*identität und Inter*geschlechtlichkeit näherzubringen. Viele wissen darüber sehr wenig – und ich glaube, das Aufklärung genau da anfangen muss, wo junge Menschen beinahe jeden Tag zusammenkommen und sehr viel Zeit zusammen verbringen: in der Schule.

Inzwischen bin ich auch parteipolitisch aktiv – also direkt in einer Partei, in der ich mich für queere Themen, Gleichberechtigung und eine offene Gesellschaft einsetze. Dort geht es oft darum, wie politische Ideen wirklich umgesetzt werden können: durch Anträge, Veranstaltungsideen oder das Mitgestalten von Wahlprogrammen. Ich finde das wichtig, weil Veränderung nicht nur auf Bundesebene passiert, sondern auch in Städten, Landkreisen und Gemeinden – also auf kommunaler Ebene, wo politische Entscheidungen ganz konkret das Leben von Menschen beeinflussen.

Warum mache ich das eigentlich?

Manchmal fragen mich Menschen, warum ich mir das eigentlich alles „antue“. Die ehrliche Antwort? Weil ich (inzwischen) gar nicht anders kann. Ich sehe, wie viele queere Personen immer noch Diskriminierung erfahren, und ich will nicht tatenlos zusehen. Aktivismus ist kein Hobby, sondern eine Haltung.
Ich mache das, weil ich weiß, wie wichtig es ist, gesehen zu werden. Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, in denen ich mich selbst nicht gesehen gefühlt habe – und wie sehr mir damals Vorbilder oder positive Beispiele gefehlt haben. Jetzt versuche ich selbst diese Person zu sein, die ich damals gebraucht hätte.

Irgendwo zwischen Erschöpfung und Hoffnung

Natürlich gibt es Momente, in denen alles viel ist. Wenn ich wieder von neuen queerfeindlichen Entwicklungen auf der Welt lese oder mit dem Hate unter Instagram-Posts oder TikToks von anderen konfrontiert bin. Dann spüre ich diese Mischung aus Wut und Müdigkeit. Es gibt Tage, da will ich einfach abschalten und nichts mehr damit zu tun haben. Meinen Aktivismus wie eine Jacke an einen Nagel hängen und einfach aufhören. Aber genau an diesen Tagen merke ich auch, wie wichtig es eigentlich ist, nicht aufzugeben. Wie wichtig es ist, dass die queere Community nicht klein bei gibt – sondern laut und sichtbar bleibt, und für viele auch unbequem.

Deswegen: immer weiter machen

Ich bleibe hoffnungsvoll. Weil ich manchmal auch sehe, dass sich Dinge bewegen – langsam, aber spürbar. Wenn Bekannte oder Verwandte toleranter werden, wenn doch keine Abstimmungen über queerfeindliche Gesetzesänderungen stattfinden, wenn ich mit manchen Schüler*innen spreche, die einfach offener und neugieriger sind und ohne Vorbehalte etwas über Geschlecht und Identität lernen möchten. Das gibt mir Zuversicht, dass doch noch nicht alles verloren ist.

Ich glaube, Aktivismus bedeutet nicht nur, Missstände anzuprangern, sondern auch, neue Wege aufzuzeigen. Es geht darum, Räume zu öffnen, in denen Menschen atmen können. Es geht um Liebe, Sichtbarkeit, Selbstbestimmung – und um den Mut, nicht aufzugeben.
Manchmal reicht schon ein kleines Zeichen. Wenn ich eine Nachricht bekomme, dass ich einer Person weiterhelfen konnte. Oder ein Lächeln auf einer Veranstaltung, wo man merkt: hier verstehen sich Menschen, hier kommen wir mit ähnlichen Ansichten zusammen. Diese Momente sind mein Antrieb. Sie erinnern mich daran, dass Aktivismus nicht nur laut und kämpferisch ist, sondern auch bestärkend für sich selbst. Er verbindet, schafft Gemeinschaft und Kraft und zeigt, dass wir nicht allein sind.

Ein kleiner Blick Richtung Zukunft

Ich wünsche mir eine Zukunft, in der Aktivismus vielleicht gar nicht mehr nötig ist. Das ist eine sehr utopische Vorstellung – aber nichts ist unmöglich! Ich wünsche mir eine Zukunft, in der queere Menschen einfach leben können – ohne Angst, ohne Kampf. Aber bis dahin mache ich weiter – Schritt für Schritt und Projekt für Projekt. Weil Veränderung einfach Zeit braucht. Und weil sie mit Menschen beginnt, die sagen: Es reicht. Und gleichzeitig: es geht besser.

Für mich bedeutet Aktivismus genau das: nicht aufgeben. Nicht verstummen. Und sich immer wieder gegenseitig daran erinnern, dass eine andere Welt, eine bessere und gerechtere, wirklich möglich ist.

Kay