Schnittstelle trans* Identität und Autismus

Eigentlich bin ich Demisexuell, Achillean und Nicht-Binär Trans*maskulin; aber für Dich bin ich Einfach Bloß Queer

Wie weiß ich, dass ich trans bin, wenn mir das Grundverständnis von Geschlecht schwerfällt?

Nur wenige Menschen sind trans*. Nur wenige Menschen sind autistisch1. Und doch kommt es vor, dass beide Identitäten gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig beeinflussen. In der Forschung ist diese Gleichzeitigkeit zwar bekannt, auch wenn kein direkter Zusammenhang im Moment nachweisbar ist.2 Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht wichtig und wertvoll ist, über die Erfahrung von autistischen trans* Personen Bescheid zu wissen. Denn das Gesamtbild von trans* Identität ist vielfältig, bunt und nur durch gemeinsamen Austausch
weiterzuentwickeln.

Eine Person ist trans*, wenn sie sich nicht mit dem bei der Geburt zugeordneten Geschlecht identifiziert. Das ist schon alles. Als trans* Person muss nichts weiter getan oder erfüllt werden, um trans* zu sein. Geschlechtsangleichende Operationen oder Hormontherapien gibt es zwar als Möglichkeiten, doch nichts außer dem eigenen Erleben ist tatsächlich ausschlaggebend. Autismus ist durch diverse Defizite ausgezeichnet wie unter Anderem im Umgang mit den Erwartungen Anderer, der Kommunikation oder der Verarbeitung von Erlebnissen und eigenen Gefühlen. Wenn Autismus mit trans* Identität in Verbindung kommt, kann es sein, dass all die vagen und offenen Möglichkeiten sich zu identifizieren und zu entfalten zu Fragezeichen führen.3

Als eine Person, die selbst autistisch und trans* ist, finde ich es spannend mir anzuschauen, wie meine trans* Identität und autistische Identität sich gegenseitig beeinflussen. Vor allem, was den Fakt angeht, dass ich bis in meine Zwanziger gebraucht habe, zu realisieren und verbalisieren, dass ich trans* bin. Aufgrund von eigener Reflexion, Recherche und regem Austausch mit der trans* autistischen Community spiele ich hier ein paar Szenarien durch, die bei einer autistischen Person auf dem Weg zum Coming Out als trans* auftreten können.

Das persönliche Unbehagen in Worte zu fassen ist oft der erste Schritt zum Coming Out als trans*. Doch für eine autistischen Person kann dieser Prozess sich als deutlich vielschichtiger gestalten, als den bloßen Satz „Ich bin trans*“ zu entdecken und auszusprechen.

Defizite in der Kommunikation für Autist*innen beinhalten oft nämlich sowohl das verständliche Teilen eigener Gedanken als auch Probleme mit Unklarheit. Für eine autistische Person, die sich in ihrem zugeordneten Geschlecht unwohl fühlt, kann dies dazu führen, dass dieses Unwohlsein gar nicht, oder nur unverständlich mitgeteilt wird. Ohne klare Vorgaben, was trans* sein bedeutet, gestaltet es sich manchmal als kompliziert, die eigene Erfahrung zu verstehen, geschweige denn sie auszudrücken.4 Da Geschlechtsidentität eben etwas Vages, Subjektives und Flexibles sein kann, wie soll es genau ausgedrückt werden, wenn ich da etwas Vages, Subjektives und Flexibles fühle? Und woher weiß ich, ob dieses Gefühl nicht
vielleicht alle anderen auch so fühlen?

Diese Fragen waren es jedenfalls, die ich mir selbst stellte. Woher weiß ich, dass ich trans* bin, wenn es keine klaren Richtlinien gibt, sondern trans* sein etwas Persönliches ist, das für jede Person anders aussehen kann? Diese Unklarheit machte es mir lange schwer meine eigenen Gefühle ernst zu nehmen. Ich habe mich selbst hinterfragt und implizit von der Gesellschaft hinterfragt gefühlt.

Ebenfalls treten bei autistischen Personen oft Schwierigkeiten in der Interozeption auf, was bedeutet, dass die Eigenwahrnehmung von Bedürfnissen und der Gefühlswelt nicht leichtfällt. So kann es schon zu Beginn der Erfahrung von Geschlechtsdysphorie dazu kommen, dass diese gar nicht erst als eine solche empfunden wird.5 Denn oft berichten Autist*innen von einem generellen Gefühl des „nicht-richtig-seins“. Wie und wo lässt sich dieses Abgrenzen zu dem Gefühl des „nicht-das-zugeordnete-Geschlecht-sein“?6

Das Gefühl „anders“ zu sein, ist trans Personen wie Autist*innen, in meiner Erfahrung, leider sehr vertraut. In einer Welt, in der Normen als ausschlaggebend und feststehend und jegliche Abweichungen von diesen als falsch verstanden werden, kann es einen herausfordern, sich selbst als „anders“ zu akzeptieren. Denn „anders“ ist nicht gleich „schlechter“. Doch das ist nicht leicht zu verinnerlichen.

Ich erinnere mich, dass mir in meiner Kindheit und Jugend, als undiagnostizierter Autist, oft zu verstehen gegeben wurde, ich sei „anders“ und „nicht richtig“. Dieses Gefühl habe ich verinnerlicht, sodass, als mir Gedanken kamen, ich könnte auch geschlechtlich „anders“ sein, als ich und andere annahmen, ich beide Erfahrungen nur schwer auseinanderbekommen konnte.

Von Klein auf lernen viele Menschen, dass es bestimmte Anforderungen an sie gibt, bestimmte Rollen zu erfüllen, sich in bestimmte Gruppen zu begeben und bestimmte Erwartungen zu erfüllen. Als trans* Person kommt es zu Konflikten, wenn diese Anforderungen dem eigenen Empfinden des Geschlechts widersprechen. So kommt es zur Krisensituation: „Ich soll Prinzessin spielen, aber das fühlt sich falsch an. Wieso das denn? Warum bin ich anders?“

Doch als Autist*in ist es oft die reine Existenz der Anforderung an sich, die keinen Sinn ergibt. Von der Art oder dem Inhalt der Erwartung selbst geht jedoch weniger Druck aus: „Ich will nicht Prinzessin sein, also bin ich es nicht. Ich mache lieber etwas, das mir besser gefällt.“

Ich wollte beispielsweise lieber Katze spielen, als Prinzessin. Ob dies etwas mit meiner später realisierten trans* Identität zu tun hat ist unklar, doch darüber nachgedacht habe ich in dem Moment als Kind nicht und auch niemand sonst um mich herum hat meine Entscheidung und vor allem die Ablehnung der Prinzessinnenrolle infrage gestellt.

Das aktive Grübeln darüber, weshalb genau das eigene Erleben von der Erwartung abweicht, fällt bei Autist*innen dann manchmal komplett weg, denn die Erwartung an sich wird nicht instinktiv akzeptiert. Bei autistischen trans* Personen ist das Erleben der Abweichung von der erwarteten Geschlechterrolle daher oft verwirrender und ein schlecht zu erklärender Prozess.7

Die spezifische Art der Abweichung – etwa in der Geschlechterrolle – wird so selten tatsächlich hinterfragt. Weder von der autistischen Person selbst noch von den Menschen in ihrem Umfeld, denen die Normabweichung auffällt. Da die Ablehnung von Normen bei Autismus „mit dazu“ gehören kann, wir die Ablehnung von Geschlechternormen selten als eine besondere Art der Ablehnung erkannt.8

Bei mir war es so, dass ich eben schon seit meiner Kindheit von meinem Umfeld als „anders“ wahrgenommen wurde. Nicht immer auf eine negative Art und Weise, manchmal einfach, dass ich besondere Vorlieben hatte oder bestimmte Spiele spielen wollte. Daher viel es meiner Familie nicht weiter auf, dass ich stereotypisch feminines Verhalten ablehnte, da ich mich sowieso nicht stereotypisch verhielt.

Für viele Autist*innen dauert es so sehr lange, bis sie sich als trans outen. Nicht, weil sie weniger trans* sind als nicht-autistische Personen. Sondern einfach, weil der gesamte Prozess mehr Zeit in Anspruch nehmen kann. Außenstehende nehmen Geschlechtsdysphorie bei Autist*innen seltener als solche wahr, da sie ja eh „anders“ sind. Autistinnen selbst können ihr Erleben häufiger schlecht einordnen, geschweige denn ausdrücken.

Der Austausch mit anderen sowie Möglichkeiten für Recherche können helfen, die eigenen, wenig greifbaren Gefühle zu verstehen. Doch Austausch kann sich eben auch als besonders kompliziert gestalten. Deshalb ist es mir als Autor sehr wichtig, dass ich meine Lebensrealität
als autistischer trans Mann in meinen Büchern darstelle. Sich selbst zu sehen kann nämlich helfen, sich selbst zu verstehen.9 Und auf einen Charakter in einem Buch oder einer Serie zeigen zu können und zu sagen „so fühle ich mich auch“ kann einfacher sein, als die genauen
Worte selbst herauszufinden.10

Wenn eine autistische Person also zu dem Schluss kommt, dass ihre Gefühle des „anders“ seins nicht nur durch den Autismus, sondern auch durch eine transgeschlechtliche Identität zustande kommen, sollte ihnen zugehört werden. Sich selbst als trans* zu akzeptieren und mit anderen zu teilen fällt kaum jemandem leicht. Erst recht nicht, sollten Kommunikation, das eigene Erleben und gesellschaftliche Normen generell Probleme bereiten.

Das bedeutet nicht, dass die Gesamtheit der Erfahrung als trans* Autist*in negativ ist. Es hat tatsächlich, auch für mich, etwas befreiendes, mir weniger instinktiv Gedanken über Normen und Erwartungen zu machen und einfach ich zu sein. Letztendlich ist trans* sein selten eindimensional oder schnell Mal eben erklärt. Es ist immer noch etwas sehr Persönliches und kann für jede Person anders aussehen. Ob autistisch oder nicht.

Autistische trans* Menschen existieren. Möglicherweise werden nicht die Worte „Ich bin trans*“ so ausgesprochen, doch die trans* Erfahrung – sei sie noch so vage und schwer zu beschreiben – ist real und ernst zu nehmen.11

Mikah Rose


1 Leider führen Geld- und Zeitmangel, Einschränkungen im Reisen oder rassistische, misogyne und anderweitig voreingenommene Ärzt*innen dazu, dass einige Menschen keinen Zugriff auf eine offizielle Autismus-Diagnose haben. Abgesehen davon ist es auch vollkommen verständlich, eine Diagnose aus anderen Gründen abzulehnen. Einige autistische Personen greifen auf das Tool der Selbstdiagnose zurück. Aufgrund von intensiver Recherche erkennen und bezeichnen manche Personen sich somit auch vor oder anstelle einer Diagnose als autistisch. Wenn das Label Autist*in sich korrekt anfühlt und hilft, den Alltag zu bewältigen und sich selbst besser zu verstehen, dann ist die Selbstdiagnose auch aus der Sicht vieler Expert*innen ein wichtiger und richtiger Schritt. (Overton, Gayle L.; Marsà-Sambola, Ferran; Martin, Rachael et al. „Understanding the Self-identification of Autism in Adults: a Scoping Review.“Rev J Autism Dev Disord (11): 2024. 682–702. Print.)

2 Warrier Varun, Greenberg David M.; Weir Elizabeth, et al. „Elevated rates of autism, other neurodevelopmental and psychiatric diagnoses, and autistic traits in transgender and gender-diverse individuals“. Nat Commun (11.1): 2020. 1–12. Print.

3 Gratton, Finn V. et al. „The Intersection of Autism and Transgender and Nonbinary Identities: Community and Academic Dialogue on Research and Advocacy“. Autism in Adulthood (5.2): 2023. 115. Print.

4 Coleman-Smith, Rachel S.; Smith, Richard; Milne, Elizabeth und Thompson, Andrew R. „Conflict versus congruence’: A qualitative study exploring the experience of gender dysphoria for adults with autism spectrum disorder“. Journal of Autism and Developmental Disorders (50.8): 2020. 2643–2657. Print.

5 Cooper, Kate et al. „The lived experience of gender dysphoria in autistic adults: An interpretative phenomenological analysis“. Autism (26.4): 2022. 971-2. Print.

6 Gratton, Finn V. et al. „The Intersection of Autism and Transgender and Nonbinary Identities: Community and Academic Dialogue on Research and Advocacy“. Autism in Adulthood (5.2): 2023. 115. Print.

7 Cooper, Kate et al. „The lived experience of gender dysphoria in autistic adults: An interpretative phenomenological analysis“. Autism (26.4): 2022. 967-8. Print.

8 Strang, John F.; Powers, Meredith D.; Knauss, Megan, et al. „,They thought it was an obsession’: Trajectories and perspectives of autistic transgender and gender-diverse adolescents.“ Journal of Autism and Developmental Disorders 48.12 (2018): 4039–4055

9 Abraham, Amelia. „,Solace, joy and a lifeline’: Why queer literature is vital for people growing up LGBTQ+“. Penguin Books Limited, 04.02.2020. Web. 18.01.2024.

10 Craig, Shelley L.; McInroy, Lauren; McCready, Lance T. and Alaggia, Ramona. „Media: A Catalyst for Resilience in Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, and Queer Youth.“ Journal of LGBT Youth 12.3 (2015): 254-75. Print.

11 Gratton, Finn V. et al. „The Intersection of Autism and Transgender and Nonbinary Identities: Community and Academic Dialogue on Research and Advocacy“. Autism in Adulthood (5.2): 2023. 112. Print.