Start ins Berufsleben als trans* nonbinäre Person – ein Kinderspiel?

„Bist Du eigentlich ein Junge oder ein Mädchen?“ – Was für andere eine empörungswürdige Frage wäre, ist inzwischen mein liebstes Kompliment. Wie es dazu kam und wie ich mir trotz Zukunftsängsten den Start ins Berufsleben erkämpft habe, will ich Dir erzählen.

Es begann an einem kühlen Herbsttag 2021, als ich zum ersten Mal meine heutige Arbeitsstelle besuchte, für ein FSJ-Bewerbungsgespräch. Ich war aufgeregt und hoffte, niemand hört meinen Herzschlag. Was bevorstand, war das erste einer sehr langen Reihe von Coming Outs in meiner Berufslaufbahn. Als nonbinäre Person kurz nach dem Outing war mir klar, dass ich mich mein Leben lang werde outen müssen. Da stand ich also mit zitternden Knien zwischen Bauklötzen neben der freundlichen Leiterin einer städtischen Kita, die mich durch die Einrichtung führte. Eine halbe Stunde später unterschrieb ich meinen Vertrag für ein FSJ-Jahr – mit meinem selbstgewählten Namen. Für sie war es kein Problem, dass ich noch keine Namens- und Personenstandsänderung hatte. Ich wartete, wie so viele trans* Menschen in Deutschland damals, sehnsüchtig auf das Selbstbestimmungsgesetz.

Dieses Jahr gab mir Zeit und Orientierung. Eine Verschnaufpause nach zwei Jahren psychischer Krankheit und einem abgebrochenen Studium. Eine Möglichkeit, Vorbereitungen für meine medizinische und soziale Transition zu treffen. Arztbesuche, Indikationsschreiben… viele Termine und Ungewissheit, aber auch die Erkenntnis, dass ich mich jetzt schon wohler fühlte in meiner Haut. Jeden Tag die Kinder meinen Namen rufen zu hören, war wie das Gefühl zu Fliegen. Und bald kam diese berüchtigte Frage: „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ Von Kindern, die so viel unvoreingenommener waren als Erwachsene, so ehrlich und offen. Ich antwortete: „Weder noch.“ Kurze Verwirrung in den großen Augen, dann: „Hä das geht doch nicht?“ – „Doch, das geht!“ Dann war die nächste Frage, ob ich gern „Lotti Karrotti“ mitspielen möchte und das Thema war gegessen. War ja auch egal – Hauptsache, ich konnte gut Einhörner malen und „Der Grüffelo“ vorlesen. Ich entschied mich: Die Erzieher*innen-Ausbildung wird’s!

Noch zwei Wochen bis Ausbildungsbeginn, alle Verträge unterschrieben – natürlich mit meinem selbstgewählten Namen. Plötzlich eine Mail von der Fachschule: Sie könnten mich „aus rechtlichen und vertraglichen Gründen“ nur unter meinen Geburtsnamen aufnehmen. Ich saß sicher eine halbe Stunde in Schockstarre vor dem Bildschirm. Malte mir Horrorszenarien aus. Alle Dozent*innen und Mitschüler*innen würden meinen Deadname kennen. Ein unbeschwerter Start ins Berufsleben? Damit unmöglich.

Am nächsten Tag antwortete ich mit meiner Geheimwaffe: Ein Scan meines Ergänzungsausweises von der dgti e.V – den ich jeder trans* Person empfehlen kann, die eine amtliche Namensänderung noch nicht vollzogen hat. Ich beharrte darauf, mit neuem Namen angesprochen und auch in der Akte geführt zu werden. Und bewahrte Ruhe, denn ich hatte mir eine proaktive Strategie überlegt, wie ich mit solchen Situationen umgehen konnte: Ich wollte immer so offen mit meinem Trans*sein umgehen, wie es sich für mich stimmig anfühlte. Meine Rechte kennen, Grenzen klar kommunizieren und mich mit anderen trans* Menschen in einer queeren Jugendgruppe austauschen, die mich verstehen und unterstützen konnten. Tatsächlich nahm die Berufsschule mich schließlich unter meinem richtigen Namen auf. Mein nächster Schritt wäre ein Gang zur Gleichstellungsbeauftragten meiner Stadt gewesen, denn unter altem Namen in den Beruf zu starten, kam für mich nicht in Frage.

Mein Tipp an dich? Bereite dich vor, Outings werden wahrscheinlich dein ständiger Begleiter sein im Beruf als nonbinäre Person. Stelle sicher, dass du bestimmst, wie diese aussehen und wann sie passieren. Ob schon kurz und knapp in der schriftlichen Bewerbung, da in Zeugnissen noch ein alter Name steht, oder erst später im Gespräch. Oder überhaupt, denn das sollte immer in deinem Tempo sein und es macht dich nicht weniger valide, wenn du bei der Arbeit nicht geoutet bist oder andere Pronomen verwendest aus praktischen, Sicherheits- oder sonstigen Gründen. Kommuniziere Pronomen und Ansprache jedoch klar, denn es ist völlig okay und nicht unprofessionell sich mit „Vorname Nachname“ ansprechen zu lassen, anstatt „Herr/Frau Nachname“ oder welche Form Du auch immer präferierst. Was soll auf deinem Namensschild stehen? Wie reagierst du, wenn Kund*innen dich misgendern? Diese Fragen vorher zu klären, bringt dir Sicherheit und schafft Unklarheiten mit Kolleg*innen und Vorgesetzten aus der Welt.

Suche dir innerhalb des Teams Allies, die dir helfen und den Rücken stärken bei eventueller Diskriminierung. Es ist nicht Deine Aufgabe jede*n aufzuklären und alle Fragen zu beantworten. Sei proaktiv und geh hoch erhobenen Hauptes, selbst wenn du das Selbstbewusstsein anfangs spielen musst. Das zeigt anderen, dass deine Identität keinen Spielraum für Diskussion lässt. Zieh klare Grenzen und bestehe auf deine Rechte, auch wenn das einschüchternd sein kann. Du hast den gleichen Respekt verdient, wie alle anderen. Gib dir aber auch Zeit und deinen Gefühlen Raum. Suche dir Menschen, denen du Ängste und Sorgen mitteilen kannst und die dich wirklich verstehen können, beispielsweise in queeren Treffs und Foren. Es wird kein Kinderspiel, aber du hast die Chance die Welt und den Alltag der Menschen mit deiner individuellen Erfahrung als trans* Mensch zu bereichern.

Rio