Was Gender Euphorie alles sein kann

Wie für viele von uns war der Auslöser für meine Transition meine Gender Dysphorie. Ich begann, im Alltag immer mehr zu spüren, dass die geschlechtliche Ansprache, mit der ich aufgewachsen bin, nicht meiner Identität entspricht und auch mein Körper nicht ganz mit meiner inneren Vorstellung von mir selbst übereinstimmt. Was dann folgte, war eine Reise, um wieder viel mehr Gender Euphorie in meinem Leben zu empfinden. Das ist die Freude darüber, wenn meine Geschlechtsidentität und mein Körpergefühl zusammenpassen oder ich als das Geschlecht wahrgenommen werde, das ich bin.

Für mich löste zum Beispiel meine Mastektomie sehr viel Euphorie aus: Selbst, als ich noch auf Schmerzmitteln im Krankenhaus lag, konnte mir nach der Operation fast nichts das Lächeln aus dem Gesicht vertreiben. Auch eine rechtliche Namensänderung kann so ein großer Glücksmoment in einer Transition sein: endlich die Dokumente in den Händen zu halten, mit denen der ausgewählte Name offiziell wird.

Euphorie kann aber auch in ganz vielen kleinen alltäglichen Momenten versteckt sein – und manchmal muss man sie sehr lange suchen. So ging es mir vor allem zu Beginn meiner Transition. Ich war zwar dabei, die Erwartungen von außen an mein bei der Geburt zugeschriebenes Geschlecht von mir zu weisen. Gleichzeitig war ich aber auch noch sehr unsicher und versuchte, Menschen in meinem Umfeld gerecht zu werden.

Das hört sich erstmal widersprüchlich an: Eigentlich geht es bei einer Transition ja darum, zu sich selbst zu finden. Aber ich hatte das Gefühl, nun noch stärker einem bestimmten Bild von Männlichkeit entsprechen zu müssen und das genaue Gegenteil der vorherigen vermeintlichen Weiblichkeit performen zu müssen. Und das, obwohl ich nicht-binär bin und deshalb sowieso aus vielen Normen herausfalle. Trotzdem wollte ich es Menschen damit einfacher machen, meinen neuen Namen und die richtigen Pronomen zu verwenden.

Mit der Zeit begann ich, zu merken, dass die Auslöser von Gender Euphorie sehr unterschiedlich und aus der Perspektive einer Gesellschaft, die Geschlechter in zwei feste Kategorien einsortiert, auch widersprüchlich sein können. Im Laufe meiner Transition habe ich zum Beispiel das Schminken wiederentdeckt, das früher Dysphorie in mir ausgelöst hat. Auf einmal waren für mich glitzernden Lidschatten und Nagellack nicht mehr feminin konnotiert. Ich fühlte mich damit eher maskulin. Und es fing an, Spaß zu machen, wenn Menschen auf der Straße sichtlich verwirrt von meinem Aussehen waren und mich in keine der beiden Schubladen in ihren Köpfen einordnen konnten. Denn das kann und möchte ich ja
auch nicht!

Mir wurde klar, dass ich meine Transition nicht auf mich genommen habe, um mich wieder an andere Menschen und ihren Blick auf mich anzupassen. Die Mühe, mich zu outen, zu erklären und immer wieder andere zu korrigieren. Letztendlich habe ich sowieso keinen Einfluss darauf,
wie andere Menschen mich sehen. Natürlich gibt es Situationen, in denen es wichtig sein kann, auf die eigene Sicherheit zu achten und eine Art Passing anzustreben.

Aber ich darf nicht mein ganzes Leben davon bestimmen lassen, mich mit meiner trans* Identität, die so viel Freiheit bedeuten kann, wieder einschränken zu lassen. Dass Menschen die richtige Ansprache für dich benutzen, sollte im Übrigen auch selbstverständlich sein. Egal wie du dich vermeintlich präsentierst. Es lohnt sich also, damit zu experimentieren, welche kleinen Dinge dich euphorisch machen. Denn über den Leidensdruck von trans* Personen zu sprechen ist zwar wichtig, genauso wichtig ist aber auch das Teilen von Euphorie. Also teste doch mal, was für dich Euphorie auslösen könnte! Zum Beispiel Haare, egal wo, zu rasieren oder wachsen zu lassen, je nachdem, was du sonst tust oder welche Erwartungen von außen du vielleicht sonst unhinterfragt erfüllst.

  • Kleidung aus deiner Zeit vor der Transition nochmal anprobieren,
  • ein Hobby, das traditionell eher weiblich oder männlich konnotiert ist,
  • Drag, ob in deinem richtigen oder dem bei deiner Geburt zugewiesenen Geschlecht
  • eine Szene oder Geschichte aus der Perspektive deines jüngeren Ichs zu schreiben,
  • wenn du schon früher transitioniert wärst
  • auf die ständige Frage nach deiner Identität zu antworten: Das bleibt mein Geheimnis!

Natürlich ist es von Person zu Person unterschiedlich, was Dysphorie und Euphorie auslöst und es kann bei dir auch etwas ganz anderes sein. Die Liste soll dir nur etwas Inspiration bieten und ist natürlich nicht vollständig. Am besten erstellst du dir eine ganz eigene!

Pierre Hofman