Plädoyer für Bubbles

Das Gefährlichste, was du tun kannst, ist, dich in deine eigene Filterblase zurückzuziehen, also in ein soziales Umfeld, in dem alle die gleichen Ansichten vertreten und dir niemand widerspricht. So oder so ähnlich begegnet mir dieser Satz immer und immer wieder. Ich lese ihn in Zeitungen und höre ihn im Bekanntenkreis. Filterblasen oder Bubbles sollen dazu führen, dass wir uns alle immer mehr voneinander isolieren. Wir hören auf, in der echten Welt zu leben und finden uns in Echokammern wieder, in denen unsere eigene Meinung nur immer wieder bestätigt, aber nie infrage gestellt wird. So verlernen wir, uns mit der Realität auseinanderzusetzen.

Ich frage mich dann manchmal: Für wen ist es überhaupt möglich, es sich dauerhaft in einer Bubble gemütlich zu machen? Als nicht-binäre trans* Person werde ich jeden Tag mit einer Realität konfrontiert, in der meine Identität nicht anerkannt wird oder ich Diskriminierung erfahre. Die kann ich nicht einfach ausblenden, egal, ob ich möchte oder nicht. Trotzdem wird uns das als Community oft vorgeworfen: Dass wir uns in eine Fantasiewelt mit einer eigenen Sprache und erfundenen Identitäten zurückziehen. Dass wir uns gegenseitig so sehr bestätigen, dass auf einmal alle denken, sie seien trans*.

Dabei suchen wir nur Orte, in denen wir akzeptiert werden, so, wie wir sind. Gerade am Anfang meiner Transition war es für mich sehr wichtig, ein Umfeld zu haben, indem ich nicht verurteilt werde und mich ausprobieren konnte. Mit Menschen, die auf meiner Seite sind, statt mich ständig zu hinterfragen. Der Vorwurf von außen, keine anderen Meinungen zu akzeptieren, funktioniert nicht mehr, wenn man bedenkt, dass es schlichtweg keine Meinung ist, queeren Menschen ihre Identität abzusprechen.

Eine Bubble kann also ein schöner Ort sein, an dem ich mich ausnahmsweise mal nicht erklären muss. Es macht nun einmal einen Unterschied, von Menschen umgeben zu sein, die ähnliche Erfahrungen machen wie ich. Die einen ähnlichen Wissenstand haben. Und mit denen ich über die Diskriminierung, die ich außerhalb der Bubble immer wieder erlebe, sprechen kann. So wird sie zu einem empowernden Ort, der mir hilft, mit einer Welt umzugehen, in der es zu viele Menschen gibt, die mich als abnormal ansehen.

Meistens sind es genau diese Menschen, die queeren Menschen vorwerfen, in einer solchen Bubble in eine Opferrolle zu verfallen oder eine komplett neue Sprache zu erfinden. Dabei mache nicht ich mich zum Opfer von Diskriminierung. Menschen, die mich diskriminieren, tun das. Und Sprache ist schon immer wandelbar. Sie sollte sich unseren Lebensrealitäten anpassen. Es fühlt sich also an, als wäre mit diesem Vorwurf eigentlich so etwas gemeint wie: Wir verstehen dich und deine Identität nicht und wollen, dass du dich mit unserem Unverständnis auseinandersetzt. Und das dann bitte so freundlich wie nur möglich.

Dabei erklären wir uns Tag für Tag schon genug als Expert*innen für ein Wissen, dass wir uns zuvor erst mühevoll selbst aneignen mussten. Und zwischendurch brauchen wir davon einfach mal eine Pause. Es ist okay, sich diese Pause zu nehmen. Das kann helfen, danach gestärkter in die Realität zurückzukehren. Mit neuem Mut, ich selbst zu sein und vielleicht auch einer ordentlichen Portion Wut, die dabei hilft, weiter gegen Ungerechtigkeiten zu kämpfen – in einer Welt, in der cis und hetero sein als normal und queer sein als Abweichung wahrgenommen wird. Auch diese Wut entsteht nicht in einer Echokammer. Sie ist immer schon in mir, und meine vermeintliche Bubble hilft mir, mich mit ihr auseinanderzusetzen.

Pierre Hofman